Der unsichtbare Motor der Wirtschaft dreht höher

Es ist eine Zahl, die aufhorchen lässt: Zum ersten Mal in der Wirtschaftsgeschichte haben weltweite Investitionen in immaterielle Vermögenswerte im Jahr 2025 die Marke von zehn Billionen US-Dollar überschritten. Software, Daten, Markenrechte, geistiges Eigentum – das sind die Rohstoffe der modernen Wirtschaft. Und Deutschland sitzt mittendrin.

Laut einem aktuellen Bericht der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) und der Luiss Business School (LBS) in Rom investierten Unternehmen und staatliche Stellen in Deutschland im Jahr 2024 insgesamt 695 Milliarden US-Dollar in immaterielle Vermögenswerte. Das ist Platz drei weltweit – hinter den USA und Japan. Für ein Land, das seinen Wohlstand traditionell auf Präzisionsmaschinen, Automobilbau und Chemie gegründet hat, ist das eine bemerkenswerte Verschiebung.

Strukturwandel in Zahlen

Der Bericht, der 29 Hoch- und Mitteleinkommensländer umfasst und zusammen etwa 57 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts abdeckt, zeichnet ein klares Bild: Zwischen 2020 und 2025 wuchsen immaterielle Investitionen jährlich um 5,5 Prozent, während klassische Sachinvestitionen – also Maschinen und Gebäude – nur um 3,2 Prozent zulegten. Inzwischen machen immaterielle Investitionen in den untersuchten Volkswirtschaften knapp 13 Prozent des BIP aus. Dieser Trend wird im Bericht als dauerhafter struktureller Wandel eingestuft, nicht als kurzfristige Konjunkturerscheinung.

Dass die Tangible-Seite der Wirtschaft unter engen Finanzierungsbedingungen und wirtschaftlicher Unsicherheit leidet, begünstigt den Trend noch zusätzlich. Wer keine neue Fertigungshalle bauen kann oder will, investiert in Wissen, Prozesse und Plattformen.

Japan schiebt sich vor – ein Signal für Berlin

Bemerkenswert ist der Aufstieg Japans auf den zweiten Platz im globalen Ranking. Die neu revidierten Daten zeigen Japan mit einem Wert von 810 Milliarden US-Dollar (2024) deutlich vor Deutschland. Dabei ist das Charakteristische an Japans Aufstieg nicht die schiere Größe, sondern die Richtung: Während Japans Sachinvestitionen stagnieren, wuchsen die immateriellen Investitionen 2024 um 4,8 Prozent – schneller als in anderen großen Hocheinkommensländern wie den USA, Deutschland und Frankreich.

Deutschland belegt trotz seiner starken Ausgangsposition weiterhin den dritten Rang, aber der Abstand zum Zweitplatzierten ist spürbar.

Mittelstand im Vorteil – wenn er es erkennt

Gerade für den deutschen Mittelstand und die berühmten Hidden Champions – jene mittelgroßen Weltmarktführer in Nischenbranchen, die international kaum bekannt sind, aber Märkte dominieren – bietet der Wandel eine strukturelle Chance. Ihre Stärke liegt seit jeher in akkumuliertem Prozesswissen, langjährig aufgebauten Kundenbeziehungen und spezialisierten Fähigkeiten. Was sich verändert, ist die Notwendigkeit, dieses Wissen auch formell zu erfassen, zu sichern und weiterzuentwickeln – als Software, als Patent, als Datenbankstruktur, als Schulungsprogramm.

Der WIPO-Bericht hebt ausdrücklich hervor, dass ein erheblicher Teil immaterieller Investitionen – insbesondere organisationales Kapital, Markenwert und Mitarbeitertraining – statistisch noch nicht vollständig erfasst wird. Das bedeutet: Die tatsächliche Investitionsleistung des deutschen Mittelstands in Wissen und Innovation könnte höher liegen, als offizielle Zahlen ausweisen.

Künstliche Intelligenz als Katalysator

Der Bericht identifiziert zwei Investitionswellen, die durch den KI-Boom ausgelöst werden. Die erste ist physischer Natur: Rechenzentren, Halbleiter, Stromnetze und Netzwerkinfrastruktur. Diese Welle ist bislang stärker ausgefallen als erwartet, bleibt aber geographisch konzentriert – vor allem in den USA sichtbar.

Die zweite Welle ist immateriell: Investitionen in Daten, Software, Forschung und Entwicklung, Marken, Organisationsstrukturen und Weiterbildung. Dem Bericht zufolge wird der dauerhafte wirtschaftliche Effekt von KI weniger von der physischen Infrastrukturwelle kommen als von den immateriellen Vermögenswerten, die auf ihr aufgebaut werden. KI verbilligt die Produktion immaterieller Güter, erweitert den Bereich ihrer Anwendung und setzt damit Anreize, noch stärker in sie zu investieren.

Für mittelständische Unternehmen, die keine milliardenschweren Rechenzentren bauen können, ist das eine gute Nachricht: Der größere Teil des Wertschöpfungspotenzials liegt genau dort, wo sie traditionell stark sind – im angewandten Wissen, in der Prozessoptimierung, in der Qualität menschlicher Expertise.

Die USA setzen das Tempo – und den Maßstab

Dennoch bleibt die globale Schieflage dramatisch. US-amerikanische Unternehmen und staatliche Stellen investierten 2025 knapp fünf Billionen US-Dollar in immaterielle Vermögenswerte – mit Abstand mehr als jede andere Volkswirtschaft. Der Abstand zwischen den USA und den vier nächstplatzierten Ländern zusammen hat sich über das vergangene Jahrzehnt von rund einer Billion US-Dollar im Jahr 2015 auf rund zwei Billionen US-Dollar im Jahr 2025 nahezu verdoppelt. Das unterstreicht, wie sehr die strukturelle Dominanz der amerikanischen Wissensökonomie zunimmt.

Bleibende Fragen

Der WIPO-Bericht liefert ein makroökonomisches Gesamtbild, lässt aber einige für den deutschen Mittelstand entscheidende Fragen offen. Unklar bleibt, welche Branchen innerhalb Deutschlands den Löwenanteil der 695 Milliarden Dollar stemmen – ob es der klassische Maschinenbau ist, der in Software und Digitalisierung investiert, oder ob Finanz- und Technologieunternehmen dominieren. Ebenso fehlen Daten dazu, wie groß der Anteil kleiner und mittelständischer Unternehmen im Vergleich zu Großkonzernen ist. Nicht beantwortet ist auch, ob und wie staatliche Förderprogramme in Deutschland gezielt auf immaterielle Investitionen ausgerichtet sind. Und schließlich bleibt offen, wie sich die im Bericht angesprochene statistische Lücke bei organisationalem Kapital und Weiterbildung schließen lässt – sowohl methodisch als auch politisch.

Für die Erstellung dieses Artikels wurden mehrere verifizierte Quellen sowie künstliche Intelligenz herangezogen. Vor der Veröffentlichung wurde der Inhalt von unserer Redaktion geprüft. Kennzeichnung gemäß Artikel 50 der EU-KI-Verordnung (AI Act).