WIESBADEN – Die Zahl der festgestellten Kindeswohlgefährdungen in Deutschland ist im Jahr 2025 erneut auf einen neuen Höchststand gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am 13. August 2026 mitteilte, haben die Jugendämter bei rund 79 800 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung durch Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt festgestellt. Das entspricht einem Anstieg von 10 Prozent oder rund 7 000 Fällen gegenüber 2024 und markiert den vierten aufeinanderfolgenden Höchststand. Seit Beginn der Zählung im Jahr 2012, als die Fallzahl bei rund 38 300 lag, hat sie sich damit mehr als verdoppelt – ein Plus von 108 Prozent oder rund 41 500 Fälle.
Destatis weist darauf hin, dass der Anstieg nicht allein auf eine tatsächliche Zunahme der Gefährdungsfälle zurückzuführen sein muss. Als mögliche weitere Ursachen nennt die Behörde eine höhere Wachsamkeit und Anzeigebereitschaft, Verbesserungen in der Kooperation und Qualifizierung der Fachkräfte sowie gesetzliche Neuerungen. Seit 2012 sind die Fallzahlen lediglich in den Jahren 2017 (−0,1 %) und 2021 (−1,0 %) zurückgegangen.
Kleine Kinder besonders häufig betroffen
Etwa jedes zweite betroffene Kind (51 %) war höchstens acht Jahre alt, etwa jedes vierte (26 %) höchstens vier Jahre. Das Durchschnittsalter der betroffenen Kinder lag bei 8,5 Jahren. Die meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen wuchsen bei beiden Elternteilen gemeinsam (40 %) oder bei einem alleinerziehenden Elternteil (37 %) auf.
Vernachlässigung und psychische Gewalt dominieren
Am häufigsten stellten die Behörden Anzeichen von Vernachlässigung (58 %) und psychischen Misshandlungen (38 %) fest. In 29 Prozent der Fälle wurden Hinweise auf körperliche Misshandlungen und in 5 Prozent auf sexuelle Gewalt gefunden. Den größten absoluten Zuwachs verzeichneten im Vergleich zum Vorjahr Vernachlässigungen (+3 950 Nennungen) sowie psychische Misshandlungen (+3 250 Nennungen). 25 Prozent der betroffenen Kinder wiesen Anzeichen für mehrere Gefährdungsarten gleichzeitig auf – 2015 hatte dieser Anteil noch 16 Prozent betragen.
Gefährdung geht überwiegend von Eltern aus
In 74 Prozent aller Fälle ging die Kindeswohlgefährdung ausschließlich oder hauptsächlich von der Mutter oder dem Vater aus. In 43 Prozent der Fälle nahmen die betroffenen Kinder zum Zeitpunkt der Gefährdungseinschätzung bereits eine Leistung der Jugendhilfe in Anspruch. Zur Beendigung der Gefährdungssituation wurde in 91 Prozent der Fälle anschließend eine Hilfe oder Schutzmaßnahme vereinbart; in 18 Prozent der Fälle riefen die Jugendämter das Familiengericht an.
Verdachtsmeldungen ebenfalls auf Höchststand
Im Vorfeld prüften die Jugendämter fast 268 300 Verdachtsfälle im Rahmen einer Gefährdungseinschätzung – ein Anstieg von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ebenfalls ein neuer Höchststand. Die meisten Hinweise stammten 2025 von Polizei und Justiz (30 %) sowie aus der Bevölkerung – von Verwandten, Bekannten, Nachbarn oder anonymen Hinweisgebern (22 %). Schulen und Kindertagesbetreuung meldeten 16 Prozent der Verdachtsfälle. Destatis weist ausdrücklich darauf hin, dass die Statistik ausschließlich den Behörden bekannt gewordene Fälle erfasst und das sogenannte Dunkelfeld nicht abbildet.
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